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Wermutgras, du bitteres Kraut – das bitterste im ganzen Feld. Bitterer als du ist nur der Zarendienst...
Wir, das Ensemble Polýnushka, versuchen die beiden Traditionslinien der kirchlichen und der archaischen Winterrituale in unserer Performance zu erzählen, zu singen und zu begehen.
Die Winterzeit (Svjatki) ist die natürliche Grenze zwischen Altem und Neuem – das alte Jahr stirbt, um Platz für das neue Leben zu schaffen. Die Themen Tod (Ende) und Geburt (Anfang) stehen im Zentrum der ineinander verwobenen heidnischen Rituale und christlichen Traditionen.

In der Svjatki-Zeit besuchen die Seelen der verstorbenen Ahnen ihre Familien und sie bleiben als Schutzpatrone anwesend. So wird in den Weihnachtsliedern (Koljadki) von mythischen Personen gesungen, die von Haus zu Haus ziehen um Glück und Wohlergehen zu bringen. Die Singenden selbst verkleiden sich mit Masken und werden zu Weihnachtsboten, die dieses Glück ins Haus tragen und die Geburt des Neuen beschwören. Als wichtigstes Merkmal benutzte man eine spezielle Stimmtechnik. Den Liedtexten der Weihnachtsboten wird magische Bedeutung beigemessen, denn die ausgesprochenen Wünsche sind vor allem Beschwörungsformeln. Je nachdem, für wen gesungen wird (der Hausherr, seine Frau, sein Sohn oder seine Tochter) wurde Gesundheit, Reichtum und Wohlergehen gewünscht, einem Jüngling Riesenkraft und Tapferkeit, einem jungen Mädchen die baldige, glückliche und fruchtbare Ehe. Man sang dabei oft auch den aus dem kirchlichen Kontext bekannten Vers „Mnogaja leta“ – den Wunsch viele Jahre lang zu leben. Es ist fatal, die Weihnachtsboten zu verärgern, denn sie können auch Unheil anrichten. Ihre Zuneigung bekommt man, wenn man sie beschenkt, vor allem mit gutem Essen und Trinken. Vieles im altslawischen Glauben ist mit dem rituellen Essen verbunden. Es gab strenge Vorschriften, was in der Weihnachtszeit gegessen werden durfte. Am Heiligen Abend, zur Geburt Jesu Christi, sind z. B. nur bestimmte fleischlose Gerichte gestattet. Die Großmütter haben zu diesem Fest zwölf spezielle Speisen gekocht. Vor allem aber Kutja – ein dicker Getreidebrei.
Die Winterrituale dauern etwa zwei Wochen, wobei das Weihnachtsfest der Russisch-Orthodoxen-Kirche nach julianischem Kalender auf den 7. Januar fällt. In dieser Svjatki-Zeit wurde gemeinsam gefeiert, reichhaltig gespeist und getrunken. Es wurden Reigentänze getanzt, es gab Spiele für Jung und Alt, es war die Zeit des Wahrsagens und der Brautschau. Die Teilnahme und der Gesang bei den Gottesdiensten in den Kirchen wurden durch die Volksinterpretation der heiligen Geschehnisse innerhalb der geistlichen Volkslieder ergänzt.

Weihnachten mit Polynushka: Svjatki, Wahrsagen, das Dorf umrunden,
geistliche Verse, Weihnachtsspiele: Bilder von Facebook


Weihnachten in Russland