Ensemble
Polynushka © 2004-2010
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Wermutgras, du
bitteres Kraut – das bitterste im ganzen Feld. Bitterer
als du ist nur der Zarendienst...
Wir,
das Ensemble Polýnushka, versuchen die beiden
Traditionslinien der kirchlichen und der archaischen
Winterrituale in unserer Performance zu erzählen, zu
singen und zu begehen.
Die
Winterzeit (Svjatki) ist die natürliche Grenze zwischen
Altem und Neuem – das alte Jahr stirbt, um Platz für
das neue Leben zu schaffen. Die Themen Tod (Ende) und Geburt
(Anfang) stehen im Zentrum der ineinander verwobenen
heidnischen Rituale und christlichen Traditionen.
In
der Svjatki-Zeit besuchen die Seelen der verstorbenen Ahnen
ihre Familien und sie bleiben als Schutzpatrone anwesend. So
wird in den Weihnachtsliedern (Koljadki) von mythischen
Personen gesungen, die von Haus zu Haus ziehen um Glück
und Wohlergehen zu bringen. Die Singenden selbst verkleiden
sich mit Masken und werden zu Weihnachtsboten, die dieses
Glück ins Haus tragen und die Geburt des Neuen
beschwören. Als wichtigstes Merkmal benutzte man eine
spezielle Stimmtechnik. Den Liedtexten der Weihnachtsboten
wird magische Bedeutung beigemessen, denn die
ausgesprochenen Wünsche sind vor allem
Beschwörungsformeln. Je nachdem, für wen gesungen
wird (der Hausherr, seine Frau, sein Sohn oder seine
Tochter) wurde Gesundheit, Reichtum und Wohlergehen
gewünscht, einem Jüngling Riesenkraft und
Tapferkeit, einem jungen Mädchen die baldige,
glückliche und fruchtbare Ehe. Man sang dabei oft auch
den aus dem kirchlichen Kontext bekannten Vers „Mnogaja
leta“ – den Wunsch viele Jahre lang zu leben. Es ist fatal,
die Weihnachtsboten zu verärgern, denn sie können
auch Unheil anrichten. Ihre Zuneigung bekommt man, wenn man
sie beschenkt, vor allem mit gutem Essen und Trinken. Vieles
im altslawischen Glauben ist mit dem rituellen Essen
verbunden. Es gab strenge Vorschriften, was in der
Weihnachtszeit gegessen werden durfte. Am Heiligen Abend,
zur Geburt Jesu Christi, sind z. B. nur bestimmte
fleischlose Gerichte gestattet. Die Großmütter
haben zu diesem Fest zwölf spezielle Speisen gekocht.
Vor allem aber Kutja – ein dicker Getreidebrei.
Die
Winterrituale dauern etwa zwei Wochen, wobei das
Weihnachtsfest der Russisch-Orthodoxen-Kirche nach
julianischem Kalender auf den 7. Januar fällt. In
dieser Svjatki-Zeit wurde gemeinsam gefeiert, reichhaltig
gespeist und getrunken. Es wurden Reigentänze getanzt,
es gab Spiele für Jung und Alt, es war die Zeit des
Wahrsagens und der Brautschau. Die Teilnahme und der Gesang
bei den Gottesdiensten in den Kirchen wurden durch die
Volksinterpretation der heiligen Geschehnisse innerhalb der
geistlichen Volkslieder ergänzt.